Warum du immer noch müde bist.
Dauerhafter Stress macht müde. Und was wir dagegen tun, macht es oft nicht besser. Nach einem besonders anstrengenden Tag hat fast jeder Mensch eine eigene Entspannungstechnik. Die einen joggen. Die anderen gehen an die Konsole. Wieder andere zünden sich eine an oder machen eine Flasche Wein auf. Das klingt nach einer Wertungsfrage, ist aber erstmal keine: Es sind Bewältigungsmechanismen. Strategien, die das Gehirn entwickelt, um mit Stress, Überforderung oder unangenehmen Gefühlen umzugehen. Bewältigungsmechanismen sind zutiefst menschlich und neurobiologisch relativ einfach erklärbar. Medienkonsum an sich ist nicht das Problem. Die Frage ist immer, welche Funktion er übernimmt.
Instagram und moderne Arbeit verwirren dein Nervensystem
Um unsere Mechanismen zu verstehen, müssen wir kurz in zwei Absätzen etwas anatomisches klären: Sympathikus und Parasympathikus sind Bündel von Nervenfasern, die von der Wirbelsäule und dem Hirnstamm aus durch den ganzen Körper verlaufen. Sie verdrahten praktisch jedes Organ direkt: Herz, Lunge, Magen, Darm, Blutgefäße, Drüsen. Dieses Nervensystem kennt zwei Grundzustände. Der Sympathikus fährt den Körper hoch: Cortisol, Adrenalin, Energie für Kampf oder Flucht. Der Parasympathikus bringt ihn wieder runter: Erholung, Regeneration, Ruhe.
Das Problem ist: Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen einem Säbelzahntiger und einer überquellenden Inbox. Beides aktiviert den Sympathikus. In der modernen Welt sind viele Menschen daher dauerhaft in einem leichten Stresszustand. Was das Problem noch verstärkt: Rennen oder kämpfen baut Cortisol ab. Emails beantworten nicht im gleichen Maße. In unserem Dampfkessel wird also Druck aufgebaut, das Ventil ist aber zu klein. Ein Ungleichgewicht entsteht.
Was nun klar ist: Bewältigungsmechanismen sind im Kern Versuche, den Körper aus dem Alarmmodus herauszuholen. Also den Sympathikus zu dämpfen und den Parasympathikus zu aktivieren. Sport baut Cortisol direkt ab. Atemmeditation reguliert den Körper runter, indem wir ihm einen Rhythmus vorgeben. Schlaf wirkt umfassend beruhigend. Anders sieht es aus bei Substanzen oder Medien: Alkohol dämpft das Nervensystem chemisch, die Stressreaktion im Gehirn läuft aber weiterhin ab, auch wenn wir sie nicht mehr wahrnehmen. Gaming lenkt die Amygdala so stark ab, dass sie vorübergehend aufhört Alarm zu schlagen.
Was macht unser Gehirn nun mit dieser Erkenntnis? Es ist in diesem Fall recht simpel gestrickt und merkt sich einfach, was geholfen hat. Und du merkst vielleicht schon: das ist nicht zwingend das, was langfristig sinnvoll ist.
Das nennt man operante Konditionierung. Bedeutet:
Je zuverlässiger ein Mechanismus Erleichterung verschafft, desto tiefer gräbt er sich ein.
Ob das dann Sport ist, Meditation oder ein Glas Wein, ist dem Gehirn zunächst egal.
Wann wird es zum Problem?
Solange ein Bewältigungsmechanismus Stress reduziert, ohne wichtige Lebensbereiche zu beeinträchtigen, ist er kein Problem. Die Frage ist nicht, ob er vorhanden ist, sondern was er im Endeffekt auslöst.
Ein funktionaler Bewältigungsmechanismus verschafft eine (echte!) Atempause. Danach wird die Situation entweder gelöst, optimiert oder wenigstens tiefer erforscht. Ein problematischer Bewältigungsmechanismus verhindert ein Handeln dauerhaft. Er gibt zum Beispiel keine echte Erholung, verhindert Schlaf und/oder lässt Arbeit und Beziehungen leiden. Oft sogar über Monate, Jahre und Jahrzehnte, was über soziale Isolation und chronischem Stress bis hin zu schweren Depressionen führen kann.
Also: Wenn Schule, Arbeit, Schlaf oder echte Freundschaften systematisch unter einem Bewältigungsmechanismus leiden, spricht man von einer Störung.
Gaming Disorder: Verhaltensstörung, nicht Sucht
Seit 2022 ist „problematisches Gaming“ offiziell in der internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen gelistet. Nicht als Suchterkrankung, sondern als Verhaltensstörung. Das klingt nach Haarspalterei, ist aber ein wichtiger Unterschied:
Eine Suchterkrankung verändert die Gehirnchemie so tiefgreifend, dass körperliche Entzugserscheinungen entstehen, ob man will oder nicht. Eine Verhaltensstörung ist ein Muster, das aus dem Gleichgewicht geraten ist. Das bedeutet, es ist wiederum durch andere Muster ersetzbar. Und es zeigt uns, wo man ansetzen muss. Das problematische Verhalten selbst ist nicht das Problem, sondern die Ursache, die den Bewältigungsmechanismus überhaupt erst auslöst. Das gilt im Übrigen nicht nur für Gaming, sondern für alle Arten von Medienkonsum, wenn er als Bewältigungsmechanismus herhalten muss.
Was das unterm Strich bedeutet
Wer im Übermaß zockt oder stundenlang durch TikTok oder Insta scrolltt, hat nicht einfach ein Willensproblem. Und wer in dieser Situation ein Kind begleitet, ein Team führt oder sich selbst beobachtet, fragt besser nach Folgendem:
Welchen Bedarf deckt dieses Verhalten?
Welcher Stress wird damit reguliert?
Was fehlt als echte Alternative?
Der Mechanismus zeigt nur, dass etwas nicht stimmt. Was genau, das finden wir mindestens eine Ebene tiefer.